Stewart Home: Blow Job

Deutsche Ausgabe, TitelseiteBlow Job ist das dritte Buch, das im Nautilus Verlag von Stewart Home erscheint. Nach den Erstlingsroman: “Pure Mania- Purer Wahnsinn; Sexual Perversion at ist most!” folgte “Stellungskrieg” dem Schlachtruf: “Anarchie! Faulheit! Polymorphe Perversion!”

Und nun, seit Februar 2001: “Blow Job”. In Englisch sind ausserdem als Roman: “Red London” (Marx, Christ and Satan united in struggle!) und, als neustes Werk “Cunt” (Fotze) erschienen, mit dem Titel zum Aufkleben auf dem Buchruecken, ihr wisst schon warum.

Theoretische Buecher sind “Neoism, Plagiarism & Praxis”, “What is Situationism?” , “Cranked up really high” (Ueber Punk), “The assault on Culture”.

“Blow Job” sei Stuarts bestes Buch bisher, versichert mir der Zeremonienmeister der Stewart Home Society. Das sehe ich nicht so. Fuer mich war “Purer Wahnsinn” das beste, und ueberraschenderweise, auch das erste. Allerdings steht fest, das die Faszination von “Blow Job” diesmal stark von der Beschreibung der Londoner Szene der Subkultur und rechter und linker Theorien abhaengt. Die vielen Anspielungen und Andeutungen auf gewisse Personen und Gruppen fordern vom Leser ein bisschen Einblick und Vertrautheit um das groesstmoeglichste Vergnuegen aus dem Buch herauszuholen. Aber auch ohne Einblick in die vielen rhetorischen Querschlaege und Tiefschlaege ist dieser Pulp Fiction Roman wieder vollgepackt mit Gewalt, Anarchie, Revolution, Sex und diesmal eigentlich ziemlich wenig Perversion, aber dafuer wieder ein Haufen zerquetschter Nazis, und Skinheads, die ihren Namen wenigstens noch verdienen!

Der Held- bzw. der Antiheld- je nach Ueberzeugung des Lesers, steuert wieder mal als unnachgiebiger, konsequenter Extremist unaufhaltsam den eigenen Untergang zu, dabei saemtliche Freunde und Feinde mit sich reissend.

Als bei einer Kundgebung von Londoner Neonazis ein faschistisches Ehrenmal in die Luft fliegt, wird prompt Swift Nick Carter, der ehemalige Anfuehrer der anarchistischen Class Justice (na, an welche politische Organisation erinnert uns das? Ha!), der Tat verdaechtigt. Doch Nick erledigt die Rechten mit Links.

Was kann denn ueber das Buch gesagt werden? Es kann nicht einfach nur beschrieben werden, es muss gelesen werden.
Zuviel Wendungen, Verwirrungen und Ãœberraschungen!

Auszuege:

book cover of Stewart Home's book S.34/35 “Lies das!” befahl Vicki und haendigte Hunn ein Blatt Papier aus. “Ich bin ein Stueck Scheisse”, las er tonlos. “Ein Aeusserst mieses Stueck Scheisse.”

“Lies mit mehr Ueberzeugung”, bellte Vicki und knallte einen Absatz ihrer Doc Martens Stiefel in Hunns Rippen. Der jaulte auf und wiederholte den Satz mit bedeutend mehr Gefuehl. Und dabei erkannte er ploetzlich, dass Vicki vollkommen recht hatte – in Theorie und Praxis.

Die Politik aus der perversen Perspektive einer patriarchalischen Gesellschaft hatte ausgeschissen! Der Hauptwiderspruch in der modernen Welt, bestand nicht mehr zwischen den Rassen, sondern zwischen den Geschlechtern. Hunn beschloss sofort, seine Gemeinde zu versammeln, und sie dahingehend zu informieren, dass er als Fuehrer der Church of Adolf Hitler zuruecktreten wuerde. Vicki Douglas musste seinen Platz uebernehmen, die Organisation aufloesen und als Church of Valerie Solanas wieder aufleben lassen. Als Anerkennung fuer seine Kollaboration wuerde Dschingis den maennlichen Hilfstruppen beitreten duerfen. Dann konnte er sich zuruecklehnen, die Show geniessen und wie ein Stueck Treibholz auf den Wogen tanzen, die das maennliche Geschlecht schliesslich hinwegspuelen wuerden.”

So in etwa in diesem Stil geht’s weiter, und dabei kriegen so ziemlich alle Organisationen ihr Fett ab, die sich so im politischen Spektrum tummeln: Nazis, Faschos, Trotzkyisten, Leninisten, Anarchisten, Skinheads, Hausbesetzer, Punks, Bullen, Rechtsanwaelte und so weiter und so weiter. Verblueffende Aehnlichkeiten mit lebenden Personen und diverse Gruppen sind rein zufaellig und nichts weiter. Ein wunderbarer Spass zu lesen, fantastisch ueberdreht und doch an der Realitaet vorbeigeschrammt, sehr lebensnah und lebensfern, wahrlich utopisch wuenschenswert und abschreckend zugleich.

“Nachdem er diese Information von Narcissus hatte, wollte er mit diesem Nazischwein kein Wort mehr wechseln. Am liebsten haette er den Dreckskerl totgeschlagen, aber diese Aktion haette ihn zweifellos in grosse Schwierigkeiten gebracht. Wenn die Feuerwehr kam und sie aus dem Lift befreite, sah es bestimmt etwas merkwuerdig aus, wenn sie dort einen Anarchisten neben einer Leiche sitzend vorfanden.”