Ulla’s Amazing Wee Blog

June 14, 2002

D.A.R.E. – Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

Filed under: Deutsch — Ulla @ 10:33 am


d.a.r.e.: disabled anarchist revolutionary enclave

Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

d.a.r.e. ist ein etwas älteres Theaterstück aus dem Jahre 1997, das neu auf Tour geht.

Die Handlung spielt in einer nicht all zu fernen Zukunft. Vier behinderte Anarchisten treffen sich im virtuellen Anarchist Chatroom und diskutieren über das neue Gesetz, welches besagt, dass sich ab sofort jede(r) einen Gentest unterziehen muss, auf dessen Basis dann die Krankenkassenbeiträge festgesetzt werden. Die vier Anarchisten stimmen einander zu, dass sie den Gentest verweigern werden, und in den Untergrund gehen werden, um gegen die Gentechnik mit deren Anspruch, „perfekte Babys“ garantieren zu wollen, zu protestieren. Anhand eines Computerprogrammes gründen sie d.a.r.e.- die disabled anarchist revolutionary enclave, und erfüllen Schritt für Schritt die Vorgaben, welche ein Unbekannter namens Jason festsetzt, um zu einer bewaffneten revolutionären Zelle der Behindertenbewegung zu werden.

Ihre erste Mission ist die Befreiung von Medea, einer Frau mit Down-Syndrom, welche mit ihren ebenfalls lernbehinderten Mann eine Familie gründen möchte, und durch das neue Gengesetz eine Zwangssterilisation zu erwarten hat „weil da, genetisch gesehen, so ziemlich alles dabei rauskommen kann“. Die Mission ist ein Erfolg, Medea und ihr ebenfalls behinderter Liebhaber sind vereint- und d.a.re. wird durch den legalem Arm der Behindertenbewegung, einem zwergenhaften Soziologieprofessor, die Erklärung an die Medien abgenommen, d.a.r.e. Dank zugesprochen und im weiteren Vorgehen bestätigt. Doch hinter den Kulissen fängt es an zu brodeln- denn die vier Anarchisten sind sehr unterschiedlich in ihren Vorlieben und ihrer Lebensgestaltung. Dann geht etwas schief- der Partner eines d.a.r.e. Mitgliedes hat sich einem Gentest unterzogen um seine Zukunft zu sichern und das gemeinsame Heim abbezahlen zu können, die Partnerschaft zerbricht an dem Konflikt, und er jagt sich als Selbtmordattentäter im Gebäude der British Medical Association in die Luft.

d.a.r.e. wird für den Anschlag verantwortlich gemacht. In der Enclave wandelt sich nun die brodelnde Atmosphäre des Unbehagens in einen erupierenden Vulkan, bei dem sich die Protagonisten nichts schenken- während der erste vom Ausstieg faselt, und doch weiß, dass es viel zu spät dafür ist, denkt der zweite an Selbstmord und der dritte möchte am liebsten alle abknallen…

Dabei geht der Konflikt über das ursprüngliche Thema- Gewalt oder Nichtgewalt hinaus, und schwelende, unterliegende Differenzen treten zu Tage: als nicht-offensichtlich Behinderter fühlt sich Hercules (John Hollywood), nebenbei in dem Stück ein Schottischer Nationalist, von den anderen ausgeschlossen und nicht akzeptiert, Argos (Nabil Shaban), der einzige Rollstuhlbenutzer, wird angeklagt selbst nur auf perfekte Körper zu stehen, weil er unbedingt eine nichtbehinderte Freundin haben möchte, und Hyos als homosexueller Ex-Partner des Selbstmordattentäters fühlt sich ohnehin isoliert und an allem schuldig, Acastus (Jim McSharry) dagegen mit seinem meist kindlich- euphorischen Verhalten „vermisst seine Mami“ und fühlt sich von den anderen nicht ernst genommen..

d.a.re. lebt von der großen Leinwand, welche abwechselnd Filmsequenzen, Internet- und Computeranimationen zeigt und Musik, mittunter sogar Livemusik.

Dabei versucht d.a.r.e. nicht nur in die Zukunft zu blicken, sondern auch in die Vergangenheit. Dabei stellen die vier Behinderten die Frage nach der moralischen Grundlage, auf deren behindertes Leben bewertet wird. Während in Hitlerdeutschland behinderte Menschen getötet wurden, ist es heute möglich behinderte Foeten (Thatcher in den 80ern, bis zu 9 Monaten) abzutreiben oder in einer nicht allzufernen Zukunft durch die Gentechnik die Entstehung von behinderten Menschen ganz zu verhindern und „perfekte Babys“ zu erschaffen.

“Unsere Behindertenrechtsgruppen sollten über das Anketten an Busen hinausgehen, weil bald das Thema des behindertengerechten Transportes akademisch sein wird, denn es wird keine behinderten Menschen geben, die behindertengerechten Transport benötigen….Wir sollten uns an die Gitter der Downing Street anketten“ Nabil Shaban in Body facism

Warum ich euch dieses Stück hier vorstelle? Weil es nicht nur gut gemacht ist, sondern es die Mehrheit der Leser nicht die Möglichkeit haben wird, es live zu sehen.

Außerdem möchte ich so nebenbei die Gelegenheit nutzen, euch Theatre Workshop in Edinburgh vorzustellen.

Im August 2000 war Theatre Workshop das erste professionelle Theater, welche behinderte KünstlerInnen in die Hauptproduktionen einbezieht.

Im Sommer 2001 fand das „Degenerate Festival“, Schottlands erstes Internationale Festival der Kunst von Behinderten, statt.

Dabei bestand das „Degenerate Festival“ nicht nur aus unzähligen Stücken, sondern auch aus einer Ausstellung, bei der die Künstlerin Alexa Wright durch Computersimulationen verdeutlichte, wie nach Amputationen die Phantomgliedmassen von den Betroffenen „gefühlt“ werden, und wie diese dann aussehen würden, und wie sie sich verhalten würden.

Ein Video des behinderten New Yorkers Bill Shannon alias Crutchmaster wurde gezeigt, der als Untergrundkünstler in der Hip Hop Szene tätig ist und z.B. mit Krücken Breakdance tanzt und neue Figuren erfindet, und die neue Möglichkeiten der Darstellung von Figuren nutzt.

Stücke von Theatre Workshop sind „ I am the walrus“ in dem es über Schizophrenie, Kindesmissbrauch, und körperliche Behinderung eines in der Psychiatrie Inhaftierten geht.

„A Fumble in the Dark“ spielt in der Herrentoilette in einem Pub in Glasgow und bringt unausgesprochene Vorurteile, die Diskrimination Behinderter im täglichen Leben, ans Licht ebenso wie Vorurteile gegenüber Homosexualität.

Andere Stücke im Zusammenhang mit dem „Degenerate Festival“ waren „Walking amongst sleepers“ von Caroline Parker, die ihr Theaterstück über die Reise ans Schwarze Meer mit ihrem Bügelbrett nicht nur spielt sondern nebenbei auch in Zeichensprache gestiert.

In „oUo maan“ erzählt eine schwarze, behinderte Frau von ihren Erfahrungen der dreifachen Diskrimination, und von ihrer Politisierung, in „Zipper“ wird versucht durch Zeichensprache, Tanz und Musik für taube Menschen verständlich darzustellen- ein sehr schwieriges Unterfangen! In Sealboy:Freak schockt Mat Fraser das Publikum mit einer uralten Show aus längst vergangenen Zeiten, in denen Behinderte als Jahrmarkt- und Zirkusattraktionen ihren Lebensunterhalt verdienten.

Andere Theaterstücke ausserhalb des „Degenerate Festivals“ waren: „The Bogus Women“, in diesem preisgekrönten Theaterstück geht es um eine Flüchtlingsfrau, die stellvertretend für so viele andere von der fürchterlichen Situation und ihren Erfahrungen in ihrem Ursprungsland erzählt, von ihrer Gefährdung als intellektuelle, systemkritische Journalistin, von der Folter, Vergewaltigung und Mord ihrer Familie durch Paramilitärs, von ihrer Flucht, und von ihrer Behandlung als Asylbewerberin in Großbritannien, und die entwürdigende Befragung durch die Behörden, ihrer Armut, der institutionellen Diskriminierung und ihrem Elend als Asylbewerberin bis hin zur Prostitution, ihrer Abschiebung, bis zu ihrer Ermordung in ihrem Ursprungsland.

Eine andere erwähnenswerte Produktion war „Les Trois Mousquetaires“ des „Theatre sans frontiers“ ein Theaterstück hauptsächlich für Kinder produziert, welches dreisprachig, in spanisch, französisch und englisch auch Erwachsene vergügt, und dabei so eindrücklich umgesetzt wurde, das die ZuschauerInnen das Gefühl hatten, dreisprachig MuttersprachlerIn zu sein.


„”Wir glauben, dass das Theater das Potential hat, das Leben der Menschen zu verändern, welche es machen, und der Menschen die es sich ansehen.”

„”Wenn wir Theater machen, ist es nicht ein kommerzieller Austausch, aber eine Teilhaben und ein Angebot der sozialen, politischen und kulturellen Einsichten, welche Individuen ermächtigt sich selber und die Welt um sie herum zu verändern.”

„”Indem wir Integration, Behindertengerechtigkeit und Vorzüglichkeit in allen Bereichen der Darbietung und Bildungsarbeit fördern, bringt Theatre Workshop unwiderstehliche Geschichten zum Publikum in ganz Schottland und darüber hinaus in den letzten unzensierten Raum- das Theater.”

Robert Rae, künstlerischer Direktor, Theatre Workshop

Die nächsten Vorstellungen des Theaters werden während des grossen Kulturfestival „Fringe“ in Edinburgh vom 4-26.8.2002 stattfinden.

1 Comment »

  1. hello, i found your site looking für a programm for next year, when we organise a hearing für people with handicaps in Munich at 5,May 2007. can you give any contact with theatergroups ?
    Thank you Susanne

    Comment by susanne tschee — October 18, 2006 @ 3:18 pm

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment

Powered by WordPress